Aktion 2003/2004
Hilfe für die Musikschule in Bagdad

 
 
 

Kurz nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Bagdad haben Vandalen am 9. und 10. April in grossem Ausmass öffentliche Gebäude geplündert und zerstört.
Auch die Musik- und Ballettschule von Bagdad wurde komplett zerstört. Was die Vernichtung dieser musischen Bildungsstätte für Schüler, Schülerinnen, Lehrer und für die Kultur des Iraks bedeutet, zeigt die Reportage des Sonderkorrespondenten von DRS 2, Jean-Pierre Gerber:

„Der 38-jährige Direktor Hisham Sharaf zeigt uns die Stätte der Verwüstung. Wir stampfen durch meterhohe Berge von zertrümmerten HolzInstrumenten.
Die Vandalen haben ganze Arbeit geleistet. Sie nahmen alle Geigen aus den Kästen, um sie einzeln zu zertrampeln.“ „Die Musikschule Bagdad war eine Tagesschule mit Primar-, Sekundar- und Gymnasialstufe. Morgens paukten die 400 Kinder und Jugendlichen Arabisch, Englisch und Mathematik.
Nachmittags studierten sie entweder klassische Musik, arabische Musik oder Ballett. Jetzt liegt die musische Ausbildungsstätte in Trümmern.“

 

 
 

Konnte eine Bewegung, die den Namen Musique et Vie trägt, nach der Lektüre dieser Nachrichten einfach zur Tagesordnung übergehen ?

Musique et Vie knüpfte sofort erste Verbindungen an, um zu erfahren, in welcher Art und Weise wir, zusammen mit andern gleichgerichteten Organisationen, helfen konnten. Es ging uns dabei einzig und allein um das Schicksal dieser 400 Schülerinnen und Schüler und ihrer Lehrerschaft.

Wir wollten ihnen zeigen, dass die in Europa selbstverständlichen Türen zur Musik auch für sie gelten oder in Zukunft wieder offen sein werden

 

 
 

Jean-Pierre Gerber kam kurz nach seiner Sendung in einem Gleitschirmunfall ums Leben.

Musique et Vie hat seine Anliegen aufgenommen

 

 
 

Wenige Tage nach der Trauerfeier für Jean- Pierre Gerber ging der erste Transport auf die Reise nach Bagdad.

Es waren 15 Violinen, 8 Celli, 2 Querflöten und eine Trompete.

Die meisten Instrumente wurden uns vom Musikhaus Jecklin in Zürich rasch entschlossen und in unbürokratischen Hilfe zur Verfügung gestellt.

 

 
 

Am 20. September 2003 sind diese erste Instrumente in der Schweizer Botschaft in Bagdad eingetroffen und wurden vom Schweizer Verbindungsmann, Martin Aeschbacher sorgfältig gehütet, bis die Sicherheitslage in Bagdad eine Übergabe an die Musikschule möglich machte.

Diese erste Sendung war sehr wichtig, weil sie den Leuten der Musikschule ein Zeichen der Hoffnung und der Solidarität geben wollten.

Am 6. März fand die Übergabe der Instrumente an die Musikschule in einer kleinen Feier statt.

 

 
 

 



 

 

Die Streichinstrumente wurden in der Geigenbauschule Brienz überholt, und zwar von Turatbek aus Kirgistan, der in der Schweiz ein halbjähriges Praktikum als Geigenbauer absolvierte.

«Turatbek wird das, was er hier lernt, zuhause weitergeben können», sagt sein Lehrer Simon Glaus, «in Kirgistan wird man in Zukunft jemanden haben, der auf einem hohen handwerklichen Standard Instrumente herrichten kann. Wir werden ihn auch mit den nötigen Werkzeugen ausrüsten.»

 
 

Und Turatbek Akunov pflichtet bei:
Für ihn, sagt er, sei es «eine grosse Chance», einige Monate hier zu sein in einem Land, das ihn mit seinen Bergen an seine Heimat erinnere.

Dass er in der Schweiz nun auch die Gelegenheit habe, etwas für den Irak zu tun, freue und motiviere ihn zusätzlich.

 

 

 

 

 
 

Der zweite Transport geht auf die lange Reise

 
 

Inzwischen kamen von allen Seiten weitere gespendete Instrumente.

Sie wurden alle sorgfältig revidiert und instande gesetzt, die Saiteninstrumente wiederum in der Geigenbauschule Brienz, die Blasinstrumente durch die Firma Burri in Bern und um die Flügel und Klaviere kümmerte sich der Klavierbauer Günter Weingärtner

 
 

Am 3. September 2004 waren alle Musikinstrumente für die Musikschule Bagdad bei der Speditionsfirma in Bern eingetroffen.

Sie wurden während 5 Tagen "seecontainertüchtig" verpackt und konnten ein paar Tage später ihre lange Reise antreten.

Es waren 45 Violinen, 5 Celli, 1 Laute, 2 Hörner, 1 Trompete, 2 Posaunen, 14 Querflöten, 1 Piccoloflöte, 11 Blockflöten, 1 Fagott, 4 Klarinetten, 2 Flügel, 8 Klaviere, 1 Cembalo, 2 Spinette, Notenständer, ein Vierspur-Tonbandgerät und ein paar kg Notenmaterial.

Die Instrumente waren mit aller Sorgfalt für die lange Reise vorbereitet worden.

 

 
 

Am 3. November 2004 kam endlich die Nachricht, der Container sei in Bagdad angekommen, man habe ihn entladen und die vielen Musikinstrumente in der Musikschule deponieren können.

Eine wunderbare Meldung, die alle Beteiligten von Herzen gefreut hat.

 

 
 

Bald darauf erreichte uns folgender Bericht von Herrn Martin Aeschbacher, dem Leiter des Verbindungsbureaus in Bagdad:

Schweizerisches Verbindungsbüro Bagdad. Bagdad, 8. November 2004
Aktion Musikinstrumente für Bagdad

Am Mittwoch den 3. November 2004 konnte die zweite und sehr umfangreiche Ladung der von Musik & Leben gesammelten Musikinstrumente der Schule für Musik und Ballett in Bagdad übergeben werden.

Der Transport war angesichts der schlechten Sicherheitslage mit einigen Ungewissheiten behaftet gewesen. Der Container war bereits am 13. Oktober in Aqaba angekommen, dann hatten wir aber während Wochen nichts mehr gehört. Erst am 1. November wurde uns telefonisch mitgeteilt, der Fahrer sei unterwegs an die jordanisch–irakische Grenze. Dann wieder Funkstille bis am Morgen des 3. Novembers, als der Fahrer von der Amariya-Garage in Bagdad aus anrief, er sei angekommen.

 
 

Der Unterzeichnete begab sich sofort zur Schule, während ein Lokalangestellter zuerst den bestellten Gabelstapler besorgen und dann den Lastwagen durch den dichten Verkehr und die in Bagdad üblichen Detonationsgeräusche in die Schule dirigieren musste.

Wie so häufig brach in diesem Moment zusätzlich das Telefonsystem zusammen, so dass wir in der Schule zusammen mit der Direktorin der Schule und dem Direktor des Irakischen Symphonieorchesters während Stunden mit Bangen warteten, bis der Lastwagen endlich erschien.

 
 

Das Abladen verlief problemlos.

Der Gabelstapler brachte die Klaviere auf ihren Paletten bis zum Eingang des Schulgebäudes, wo sie von Arbeitern in Empfang genommen und hineingetragen wurden.

 

 
 

Die Saiteninstrumente wurden von den zahlreichen Schülern (insgesamt rund 300) mit viel Lust, Lärm und Akrobatik hineingetragen.

Ein Wunder, dass nichts zerbrochen ist! Innerhalb von kürzester Zeit waren alle Instrumente im Gebäude in Sicherheit.

Die Instrumente waren perfekt eingepackt, ein Lob an Kehrli und Oeler!

In der Zwischenzeit ist die Strasse Amman – Bagdad wegen der Ereignisse in Falluja gesperrt, und vier jordanische Fahrer sind auf dieser Strasse entführt worden. Soweit hätten wir Glück gehabt!

 

 
 

Hisham Sharaf hat nun ein Komitee gebildet, das zusammen mit dem Unterzeichneten über die weitere Verwendung der Instrumente entscheiden bzw. Musik & Leben diesbezügliche Vorschläge machen soll.

Die erste Priorität ist natürlich die Musik- und Ballettschule, die zweite das Symphonieorchester, welches mit der Schule einen Instrumentenpool hat. Diejenigen Instrumente (insbesondere Klaviere), welche von diesen beiden Institutionen nicht benötigt werden, können an andere Institutionen weitergegeben oder verliehen werden, wie die Akademie der Schönen Künste, das Institut für Irakische Musik, das Nationaltheater oder Musikinstitutionen in anderen Städten wie Basra im Süden oder Suleimaniya im Norden des Landes.

Musik & Leben wird dazu einen entsprechenden Vorschlag erhalten. Dank sei all den Spendern aus der Schweiz, welche mitgeholfen haben, diese schöne Aktion zu realisieren! Ein Lichtblick im gegenwärtigen Chaos von Bagdad!

Dank sei auch dem Kompetenzzentrum für Kulturaussenpolitik des EDA, welches die Aktion finanziell unterstützt hat

 
 

Die Musik- und Ballettschule macht einen ausgezeichneten Eindruck.

Mit Hilfe der norwegischen Kirche sind Klimaanlagen und ähnliches wieder instand gestellt worden.

Die Schüler aller Altersstufen wirken motiviert, die Lehrer auch. Die Ankunft der Instrumente während des Unterrichts gab Anlass zu hoher Visibilität unter direkter Beteiligung der Schüler.

Auf Medienpräsenz wurde aus Sicherheitsgründen verzichtet (Schweizer und deutsche Journalisten gibt es in Bagdad sowieso keine mehr), ebenso und aus demselben Grund auf eine Einladung des Kulturministers, der bei der ersten Aktion präsent war und sich persönlich für dieses Projekt interessiert.

Es wird sicherlich spätere Gelegenheiten geben, die Aktion „offiziell“ zu feiern.

Martin Aeschbacher


 
  Am 5. Dezember 2004 findet in der Musikschule Bagdad die erste Probe mit den neuen Instrumenten statt Wir sehen aus den Bildern, dass die Instrumente in den besten Händen sind, auch die Lehrerinnen und Lehrer sind begeistert, dass sie nun mit ihnen unterrichten dürfen  
           
 
 
 

 

 
 
Die Aktion Bagdad geht weiter
 
 

Zwei Musiker aus Bagdad in der Schweiz

In Zusammenarbeit mit dem DEZA, dem irakischen Symphonieorchester, der Bagdader Schule für Musik und Ballett, dem Schweizer Verein «Musik und Leben“ sowie dem Musikhaus Burri in Bern und dem Geigenbauer Daniel Schranz in Thun sollen zwei Musikern des irakischen Symphonieorchesters (ein Geigenbauer, ein Blasinstrumentenbauer) Gelegenheit gegeben werden, ihre aus eigener Initiative und eigenständig erlernten Kenntnisse des Instrumentenbaus durch einen Aufenthalt in der Schweiz zu vertiefen. Es handelt sich um zwei eigentliche Naturtalente, welche aber dringend Weiterbildung in einzelnen Bereichen benötigen. Dank ihrer Eigeninitiative (Selbststudium des Instrumentenbaus) kann mit einem eher kleinen Einsatz (nur drei Monate) relativ viel erreicht werden.

Am 16. September 2005 sind Nabil und Shafar in Zürich-Kloten angekommen und ein paar Tage später haben sie ihre Arbeit beim Musikhaus Burri in Bern für Blasinstrumente und bei Daniel Schranz, Geigenbauer in Thun aufgenommen.

 
 

Ein grosses Ziel des Projektes ist auf diese Weise sicher erreicht worden: die Eigenständigkeit der beiden irakischen Orchestermitglieder, die sich schon vorher mit der Reparatur von Musikinstrumenten beschäftigt haben. Sie bekamen in der Schweiz eine gründliche fachliche Weiterbildung. Sie werden in Kursen ihre neu erworbenen Kenntnisse an andere irakische Musiker weitergeben und für den Unterhalt der Instrumente aus der Schweiz verantwortlich sein.

Diese neuen Fähigkeiten kommen auch dem irakischen Musikleben zugute, weil die arabischen und westlichen Instrumente Ähnlichkeiten aufweisen und weitgehend mit den gleichen Werkzeugen repariert werden können. Wir danken allen Beteiligten an diesem wertvollen Projekt, den beiden Betrieben und ihren Lehrmeistern, Daniel Schranz und Angela Kunz in Thun, Bruno Burri und Hansruedi Krebs in Bern, besonders aber auch Peter Bähler, der die beiden Musiker in seine Wohnung aufgenommen und mit ihnen den Alltag und ab und zu auch festlichere Zeiten erlebt hat. Wir danken aber auch den Mitarbeitern des DEZA und des EDA für die finanzielle Unterstützung und die intensive Mithilfe bei sprachlichen Problemen der gegenseitigen Verständigung. Wir danken vor allem aber Martin Aeschbacher in Bagdad. Ohne seine Initiative und tatkräftige Mithilfe hätten wir diesen Traum nicht verwirklichen können.

 

 
 

Die Ballettschule Bagdad wird neu ausgestattet

Herr Martin Aeschbacher, Leiter des Schweizer Verbindungsbüro in Bagdad, schrieb Ende Juli:

Vor langer Zeit, als wir für die Musikschule Bagdad die Instrumente beschafften, fragte mich die Verantwortliche der Ballettabteilung, ob wir nicht einen kleinen Teil des Geldes für ihre Abteilung brauchen könnten (Ballettschuhe).

Nun habe ich einen offiziellen Brief des für Musik zuständigen Generaldirektors im irakischen Kulturministerium erhalten, der fragt, ob wir die Möglichkeit hätten, eine Geste für die Ballettabteilung zu machen. Ballettschuhe sind im Irak nicht erhältlich.

Dank dem grosszügigen Entgegenkommen von Herrn Marcel Schellenbaum vom ballett-shop in Zürich konnten wir der Ballettschule Bagdad gegen 150 Paar Ballettschuhe verschiedener Grösse und Machart schicken....

 

 
 
 
           
 
Der Dank aus Bagdad liess nicht auf sich warten
 
 
 
 

Liebe Freunde des Irak, erlauben Sie uns, ihnen für Ihr Engagement für unser Kulturleben und unsere Entwicklungspläne zu danken. Die Herren Nabeel Hani und Jafar Khasaf haben von ihrem Aufenthalt in den verschiedenen Ausbildungsstätten in der Schweiz sehr profitiert.

Sie haben ihnen die Gelegenheit geboten ihre Kunst zu entwickeln und die notwenige Disziplin zur Ausführung ihrer Arbeit zu erwerben. Die beiden freuen sich darauf, eine ernsthafte Arbeit für das Symphonieorchester und die Musikschule in Bagdad aufzunehmen und später, wenn es die Situation erlaubt, die erworbenen Kenntnisse andern Teilen unseres Landes zukommen lassen.

Die Worte fehlen uns, um all denen, die zu diesem Erfolge beigetragen haben, unsern Dank auszudrücken. Die Zukunft wird die die guten Resultate dieser Aktion unter Beweis stellen.

Wir haben Ihre Hilfe dankbar entgegen genommen und wünschen, dass Sie weiterhin Freunde des Irak und der Kunst bleiben werden.

Empfangen Sie unsere besten Grüsse
Karim Wasfi, Direktor und Solist des Nationalen Irakischen Symphonieorchester

 

 

Aus Bagdad bekommen wir kaum direkte Nachrichten, wir wissen nicht, wie es unsern Freunden in der Musikschule, im Ballett und im Symphonieorchester geht.

Dafür hat uns aus Damaskus dieses Bild erreicht: Nabil, der Cellospieler und -bauer, der drei Monate lang in der Schweiz weilte und sich bei Daniel Schranz in Thun ausbilden liess, lebt nun mit seiner Familie in Damaskus und macht Musik im Haus des Schweizer Botschafters Martin Aeschbacher.

Nabils jüngstes Töchterchen darf zuhören.